Gastauftritt/Kunst

Unsere documenta-Frau erkundet den Monat der Fotografie!

E.P war dieses Jahr für die Pressearbeit der dOCUMENTA (13) im Einsatz. Für Out for Art hat sie den Monat der Fotografie erkundet und berichtet über ihre vier eindrücklichsten Kunstbegegnungen. Hier die ersten beiden:

Lichtblicke

Der Monat der Fotografie bricht mit den grauen Novembertagen

Emop, lese ich. Was ist denn ein Emop? Ein Rock ‘n’ Roll – Mops? Die Revolution neuer deutscher Bodenhygiene? Eine neue Art des Flashmobs? Der Endorphinemob? Die Assoziationen ebben ab, ich lese weiter. Der 5. European Month of Photography zu deutsch Monat der Fotografie, kurz mdf, wirbelt durch die Berliner Galerien. Mit dem originellen Thema Der Blick des Anderen. Ich lasse mich nicht abschrecken und mache mich auf. Nach diversen Telefonaten versteht sich. Wieso gehst Du denn für Fotografie in ‘ne Ausstellung, quakt mir ein bequemes Gemüt entgegen. Gute Frage, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, denke ich während ich mich verteidige und nehme sie mit auf meine Tour.

Lange bin ich nicht im HKW, im Haus der Kulturen der Welt gewesen. Dabei liebe ich diesen „Leuchtturm der Freiheit“ von Hugh Stubbins, in dem das Lachen der 50er Jahre Gesellschaften noch immer von den Wänden schallt. Ich bin ein bisschen skeptisch, hatte mir doch die letzte Ausstellung Animismus so überhaupt nicht gefallen. Aber Über Grenzen klingt wirklich interessant, zumal ich Kulturwissenschaftlerin bin (was auch immer das heißt). Der „OSTKREUZ-Magnet“ tut seine übrige Wirkung. So mache ich mich mit Begleitschutz auf den Weg – auf den dunklen, menschenleeren Weg vom Hauptbahnhof, entlang der schwarzen Spree zum Hintereingang. Drinnen überwältigt mich die ausgelassene Stimmung des „Ostkreuzschen“ Photo-Völkchens, das sich scheinbar in Gänze in diesen ehrwürdigen Räumen versammelt hat und verheißt Gutes. Tatsächlich wächst meine Begeisterung mit meinen Schritten von Beitrag zu Beitrag. Quer über den Globus sind die 18 Fotografen von OSTKREUZ – Agentur der Fotografen ausgeströmt, auf der Suche nach Grenzen, nach inneren und äußeren Spannungen der Menschen und ihrer Gesellschaften, die sie in intensiven, bedeutungsstarken und ästhetischen Bildern auf den Punkt bringen. Es ist eine unmittelbare Intensität, die einen direkt mitnimmt, wie in das Denken und Handeln der Akteure am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag – Straffällige von der Gesellschaft ausgrenzen, oder nicht, Verantwortlichkeiten eingrenzen, oder nicht. Die Inhalte reichen von den Spannungen der indischen Milieugrenzen zwischen arm und reich bis zu berührenden Portraits von Menschen, die von der Härte der deutschen Nationalpolitik erfahren mussten, was es heißt ein „Abgeschobener“ zu sein. Besonders beeindruckt mich die Ästhetik der Bilder, die nicht mehr Abstand, sondern eine unmittelbare Nähe erlaubt, die spannend und bisweilen schwer zu ertragen ist, wie der intime Einblick in den Alltag von Prostituierten in Israel. Der Einblick in die Welt chinesischer Arbeiter, die sich in „made in Italy“-Fabriken verdingen, verknüpft die globalen Stränge geschickt mit unserer Realität. Mit dem verstörenden Selbstportrait, der von einem Krebsleiden gezeichneten Fotografin, Linn Schröder fragt die Ausstellung nach den Grenzen des Guten Geschmacks und führt den roten Faden elegant zurück zu den Tabus und Grenzen unserer Gesellschaft. Ein ausgesuchter Elektro-Swing-Twist-Mix verführt zum Weintrinken und eintauchen in Diskussionen und Gedanken, manche auch zum rocken, jedenfalls zum Bleiben und genießen dieser beeindruckenden Ausstellung.

Nächste Ausstellung: c/o Berlin.

Ich freute mich irre auf die Vernissage im c/o Berlin. Was bzw. wen würde das c/o wohl zum Monat der Fotografie aufbieten? Die Arnold Newman Ausstellung zu Beginn dieses Jahres kam mir einer Offenbarung gleich. Newman vermag Größen unserer Zeit mit einem poetischen Geschick zu porträtieren, das ihnen ermöglicht durch ein Prisma ihrer Realitäten scheinbar weit über das Photo hinaus ihr Wesen, ihr Schaffen, ihr Dasein auszudrücken.

Meine Erwartungen waren also ordentlich gereift, als ich mich am Freitagabend dem Pulk der Sehsüchtigen nähere, das wieder einmal in eine der letzten Ausstellungen in dem großzügigen, fragilen Postfuhrpalast drängte. Im Erdgeschoss sehe ich zu, wie Joel Sternfeld aufschlusslos durch die amerikanischen 70er streift – gelangweilt beeile ich mich durch die Street Photography in Schnappschussästhetik. Auf den vertrauten von blätterndem Putz gesäumten Stufen atme ich auf, gedenke der Schönheit der Vergänglichkeit dieses Ortes, der nach der absehbaren Schließung des c/o weder öffentlich zugänglich noch in dieser Form erhalten werden wird. Auf der zweiten Ebene wird es etwas interessanter. Die geleckte amerikanische Werbekultur überspannend fängt Sternfeld in einem hyperrealistischen Stil Kuriositäten des amerikanischen Alltags ein. Ein brennender Dachstuhl eines klassischen amerikanischem Vorstadthauses steht im Wasserstrahl der Feuerwehr, während im Vordergrund ein entspannter Kollege in voller Feuerwehrkluft unbeteiligt seine Einkäufe an einem Kürbisstand tätigt. Sternfeld fängt diese Momente ein ohne weitere Dimensionen zu eröffnen. So kratzen die Bilder auf einer Oberfläche, die er scheinbar kritisieren möchte. In dieser Welt ohne Zauber fängt er die Banalität des Alltags ein, die die Werbeversprechen zu entlarven scheinen. Eine melancholische, distanzierte Stimmung spricht aus den Bildern. Auch im letzten Teil der scheinbar endlosen Sternfeld-Phasen sind es nicht die Photographien, die mich überzeugen. Ein kleiner Begleittext zu den Bildern erfüllt das inquisitorische Bedürfnis unserer Gesellschaft, mein Bedürfnis, und erlaubt einen winzigen Einblick – in die unheimliche Welt der Verbrechen der Reihe On This Site. Die Spannung zwischen den unglaublichen Geschichten und den Bildern vom Ort des Geschehens machen diesen Teil interessant. Am Außengeländer des ersten Stocks des klassisch amerikanisch gebauten Lorraine Motels prangt ein üppiger Blumenkranz. Die kleine Texttafel enthüllt diesen Ort des Attentats auf Martin Luther King und seine Worte prophetischer Todesahnung – das Bild wird dadurch zwar lebendig, aber auch nicht gut. Sternfelds Bildern fehlt eine echte emotionale Nähe und so verliert er auch mich als Betrachter verliert.

In dem Pool der vier Gewinner des Deutsche Börse Photography Prize 2012 entdecke ich noch ein paar Schätze. Pieter Hugo dokumentiert surreale Szenen Ghanas Realität, die meiner schrecklichsten Horror-Zukunftsfiktion entsprechen. Letzte Krieger stehen inmitten einer zerstörten Welt, einer unbewohnbaren, vergifteten Mondlandschaft, der jeglicher Ähnlichkeit zu meinem Alltag entbehrt. Es sind inhaltsstarke Fotos, die mich unerwartet unmittelbar ins Bild ziehen – der Geruch der brennenden Abfälle lässt es mir übel hochkommen. Zum Glück hängen daneben die Werke von Rinko Kawauchi. Die unregelmäßig angeordneten Quadrate scheinen ihrer eigenen Logik zu folgen. In sanften Pastelltönen gewährt sie einen Blick in ihre Welt. Tagebuchartige nostalgisch verträumte bisweilen abstrakte Aufnahmen von den Menschen und den Naturdetails ihrer unmittelbaren Umgebung werden von einer leisen japanischen Bildsprache getragen.
Welche Austellungen Elena noch besucht hat am Montag bei OUT FOR ART.

Einblick in die Titelausstellung

Das Auge der Liebe von René Groebli bei PINTER UND MILCH

2 thoughts on “Unsere documenta-Frau erkundet den Monat der Fotografie!

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