Film/Gastauftritt/Literatur

Fernsehland und 39 Wörter

Es ist 09:25 Uhr, ich sitze im ICE 654 von Berlin nach Köln, vor drei Minuten habe ich BE zu Ende gelesen, die Biographie von Bernd Eichinger, und als ich das Buch zugeschlagen und den Blick gehoben habe, stand der Zug gerade in Bielefeld, was deswegen erwähnenswert erscheint, weil das Leben Bernd Eichingers die Campbell’sche Heroes Journey in Perfektion ist, damit eine Reise zurück zu seinen Wurzeln – und ich in Bielefeld geboren und aufgewachsen bin; der Zug fährt gerade an Schrebergärten vorbei, wie kann man da entspannen, wenn dauernd ICEs vorbeifahren – ich frag mich das schon lange.

Sarah hat mich gebeten, einen Gastartikel für OUT OF ART zu schreiben, „wie lang ist egal. Worüber auch. Erzähl einfach von deinem Job, das ist doch spannend“. Ist das spannend? Für Außenstehende? Ich weiß es nicht. Ich fahre gerade nach Köln, um mich mit meinem besten Freund zu treffen, der inzwischen auch ein Kollege ist. Ich bin Drehbuchautor, wir schreiben zusammen. Vor vier Jahren haben wir zu dritt – mit einem weiteren Freund und Kollegen – ein Format entwickelt, das seiner Zeit weit voraus war, aber jetzt, in einem Fernsehland, das sich stark verändert, relevanter ist denn je. Und plötzlich haben mehrere Fernseh-Bernd-Eichingers Interesse daran. Gestern war übrigens „Welttag des Fernsehens“, was immer das ist und auch nur mal so nebenbei.

Heute Abend treffe ich mich dann mit alten Kollegen, also nicht alt im Sinne von Hundert sondern alt im Sinne von Kollegen von früher, ich habe nämlich 17 Jahre lang in Köln gelebt und gearbeitet, im Fernsehland natürlich, so viel zum Thema alt. Tagsüber treffen wir uns mit unserem Anwalt, Fernsehland ist nämlich leider auch immer ein bisschen Juraland, und morgen, zurück in Berlin, habe ich einen Besichtigungstermin bei den Stargate Studios Germany. Für ein weiteres Projekt, das ich hoffentlich nächstes Jahr drehe, außer Drehbuchautor bin ich nämlich noch Producer und Regisseur. „Ach so, dann ist das so ein kleiner Nachwuchs-Bernd-Eichinger“, könnten manche jetzt denken, und ich sag mal so: Nein. Wär ich vielleicht gerne, besonders nach der Lektüre seiner Biographie, aber als ich Entourage geguckt verschlungen habe, wollte ich auch mal so sein wie Ari Gold, und wenn ich so sein will wie jemand anders, dann sagt meine bezaubernde Frau immer, ich soll so bleiben wie ich bin, das klingt zwar wie eine Werbung für Käse, ist aber total lieb gemeint.

Gerade in Hamm hat sich der Zug geteilt, und ich habe das 3G-Netz dazu benutzt, meine News-Feeds zu lesen: Drahtzieher des Anschlags auf den Hell’s Angels Boss André S. war vermutlich sein Vorgänger und „Berlin Tag & Nacht“ hatte mal wieder 13,6%, man fragt sich nach der Relevanz. Wir fahren gerade durch Dortmund. Dass zwischen „gerade in Hamm hat sich der Zug geteilt“ und „wir fahren gerade durch Dortmund“ nur 39 Wörter stehen, liegt daran, dass ich beim Schreiben manchmal einfach aufhöre zu schreiben. Weil ich nachdenke. Manchmal leider nicht über den Text. Es ist symptomatisch für die vielen Themen, Gedanken und Fragen, die gerade durch meinen Kopf gehen. Eine davon: Wie viele Leser haben wohl gerade die 39 Wörter nachgezählt und wie viele von denen haben sich gefragt, ob „3G-Netz“ ein Wort ist oder zwei. Eine andere: Warum ist rechts oben neben dem Batteriesymbol ein Dreieck mit einem Ausrufezeichen? Und eine dritte: Braucht dieser Text einen roten Faden, einen Spannungsbogen, eine Dramaturgie? Laut Sarah nicht, und auch darum habe ich wohl so schnell zugesagt nach ihrer Bitte. Auch wenn es nur ein kurzer Text ist, und auch wenn dieser vielleicht nicht 4,4 Millionen Menschen erreicht (so wie meine erste SOKO Leipzig-Folge letzten Freitag im ZDF, und die Klammer hier gibt es nur, weil Sarah gesagt hat „erzähl auch was über SOKO Leipzig“) – so hat er doch einen entscheidenden Vorteil gegenüber so gut wie allem anderen, was ich so schreibe tagein tagaus: Keiner quatscht mir rein. Kein Regisseur, kein Produzent, kein Redakteur, kein Herstellungsleiter und kein Ausstatter. „Hä? Ausstatter quatschen ins Drehbuch rein?!“ – Manchmal schon.

In wenigen Minuten erreichen wir Hagen, se next connecting träin is se träin tu Münster. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Apropos rechts: Mein aktuelles SOKO Leipzig Drehbuch ist das politischste von allen SOKO Leipzig Drehbüchern, die ich bis jetzt geschrieben habe, Nazis spielen auch mit. Und eine Politikerin, deren nicht sehr geläufigen Nachnamen habe ich aus einer sehr diffusen Erinnerung aus meiner frühen Kindheit, Freunde meiner Eltern glaube ich. Die Vorstellung, dass diese Menschen, von denen ich nicht mal mehr weiß, wie sie aussehen, meinen Namen auf dem Fernsehbildschirm sehen und dann ihren Namen hören finde ich jetzt schon amüsant. Die Politikerin in dem Plot ist übrigens eine der Mordverdächtigen.

Draußen ziehen wieder Schrebergärten vorbei, ich sitze wieder im Zug zurück nach Berlin. Heute Abend läuft meine zweite SOKO Leipzig Folge im ZDF, ich denke jetzt schon an die Quote morgen früh. Aber erstmal ist noch der Termin bei den Stargate Studios, draußen in Babelsberg, da hatte ich auch mal ein Büro. Zurück zu den Wurzeln. Im Moment ist es 13:32, in Bielefeld waren wir schon.

Manuel Meimberg

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