Kunst/Literatur/Paula und Sarah/TIPP DES TAGES

Der Lust auf der Spur- Zwischen Anspruch und Trivialität

Gestern stellten wir in unserem Tipp des Tages den amerikanischen Philosophie-Professor Michael Sandel vor. Sandel diskutiert in der Episode How to measure pleasureJohn Stuart Mills´ These über unterschiedliche Qualitätsstufen der menschlichen Lust. (Lust impliziert in diesem Fall geistige Erfüllung). Sandel gibt folgendes Beispiel: Eine „hohe Stufe der Lust“ wäre es, sich ein Shakespeare-Stück anzusehen, eine „niedrige Stufe der Lust“ wäre es, sich eine Folge „Die Simpsons“ anzusehen. Mills war sich sicher, dass Menschen, wenn sie die nötige Bildung haben, sich meistens für die „höhere Lust“ entscheiden würden, da diese ihnen größeres Glück bringen würde. Sandel hinterfragte die Theorie, mit folgendem Experiment: Obwohl die Menschen (Harvard Schüler) im Saal, den Qualitätsunterschied zwischen Shakespeare und „Die Simpsons“ verstanden, entschied sich die Mehrheit dafür, dass die geringere geistige Erfüllung (Simpsons) ihnen in diesem Moment größeres Glück bereiten würde.

Mit diesem Beispiel möchte ich nicht nur den heutigen Artikel einleiten, sondern auch auf nervöse Leser reagieren, die das Gefühl haben, sie können uns nicht in die von ihnen konstruierten Schubladen stecken. Ja, wir heißen „Out for Art“ und schreiben über, portraitieren und erleben verschiedene Kunstformen. Nein, das bedeutet nicht, dass wir nur über Mozart und Rembrandt berichten.

Obwohl ich nicht mit der Schlussfolgerung von John Stuart Mill übereinstimme, denke ich, dass Menschen ihre kulturellen Erlebnisse in höhere und niedrigere Lust unterteilen. Wie wunderbar! Ich, zum Beispiel, liebe es, Bunte zu lesen, und lese aber auch sehr gerne Christopher Hitchens. Ich weiß, welches die „höhere Lust“ ist, trotzdem entscheide ich mich, beide Formen der Lust regelmässig zu erleben. Ich glaube, eine Widersprüchlichkeit gehört zum Menschsein dazu, deswegen wird unser Blog sich nie für eine Qualitätsstufe der Lust entscheiden. Werdet nicht nervös, liebe Leser, sondern denkt euch einfach: wir hauchen mit dieser Bandbreite dem Blog Leben ein und, hoffentlich, vermeiden wir dadurch auch eine gewisse Vorhersehbarkeit. Harvard-Seminare und 2-Zutaten-Schoko-Croissants dürfen in ein und demselben Artikel vorkommen! 

Nun, komme ich zur höheren Lust. Mein Geburtstagsgeschenk dieses Jahr: Eine Jahreskarte für alle Berliner-Museen und eine Karte für die C/O-Gallerie in Berlin. Sehr aufregend! Viele meiner Freunde fanden dieses Geschenk schrecklich langweilig. Ich bin davon überzeugt, dass ist das Resultat von frühen Museums-Traumata ist: „Das Museum war zu verstaubt, meine Mutter schleppte mich Sonntags immer drei Stunden ins Museum, ich bekam nur Geschenke aus dem Museums-Shop (ich beneide diese Kinder bis heute), meine Eltern hassten modern Kunst und wir durften uns nur „alte“Bilder ansehen, ich musste immer Führungen machen, meine Eltern bestanden auf Audioguides, die Schlangen sind unerträglich, es ist eine Zeitverschwendung, im Ausland gibt’s so viel anderes zu sehen, ich verstehe moderne Kunst nicht, Museum ist für intellektuelle Menschen, Museum ist für pseudointellektuelle Menschen, das macht doch nicht wirklich Spaß, Kino ist besser“. Ich verstehe diese Argumente, aber man darf sich nicht durch ein paar unglückliche Erfahrungen entmutigen lassen.

Ich werde diese Karte nutzen, um dieses Jahr in jedes Berliner Museum, jede Sonderausstellung und jede C/O-Austellung zu gehen. Ich werde Ausstellungen einerseits ankündigen (Tipp des Tages) und andererseits, sie danach besprechen. Vielleicht wecke ich eine Museumslust, in dem ein oder anderen Museumsmuffel oder inspiriere Museumsliebhaber, zu abwechslungsreichen Besuchen?

Heute stelle ich zwei aktuelle Berliner-Ausstellungen vor. Diesmal findet ihr einen Bericht über zwei eher „klassische“ Ausstellungen. Dies wird sich immer ändern, und ich werde versuchen eine Vielfalt an Museen, Ausstellungen und Künstlern zu besprechen.

Die Russen und die Deutschen, im Neuen Museum

Diese Ausstellung ist für Geschichtsinteressierte. Sie illustriert die wechselnden Beziehungen zwischen Deutschen und Russen der letzten 1000 Jahre. Ähnlichkeiten und Unterschiede der jeweiligen Länder werden anhand ihrer Kunstgeschichte deutlich. Man bemerkt dort nicht nur die unglaublich Bandbreite der Kunstwerke, sondern auch den starken gegenseitigen Einfluss.

Die Dauerausstellung ist das Zuhause der Nofretete, die immer einen Besuch wert ist.

Das Neue Museum ist wichtig für alle Architektur-Fans. David Chipperfield schaffte es, das Gebäude zu modernisieren und gleichzeitig die ursprüngliche Substanz des beschädigten Gebäudes hervorzuheben. Auch wenn kein einziges Kunstwerk drinnen hinge, könnte man stundenlang durch die leeren Räume mit Staunen spazieren.

Das zweite Museum ist die Alte Nationalgalerie

Dort ist momentan die Austellung: Romantik und Mittelalter.
Architektur und Natur in der Malerei nach Schinkel

(Turnschuhe sind für Museen gaaaaannnnnzzz wichtig:) Der Typ muss sich auch gedacht haben: „Warum geht die Tussi ins Museum..wenn sie nur ihre Füße fotografiert?“

Die Ausstellung befasst sich mit der Architekturmalerei, in der Zeit um Karl Friedrich Schinkel. Wer Burgen, Schlösser und Klöster mag, ist da genau richtig. Die Ausstellung ist märchenhaft und ideal, um sie mit Kindern zu besuchen. Man fühlt sich zurückversetzt ins Mittelalter. Außerdem beherbergt die Alte Nationalgalerie auf der zweiten Etage Bilder von Edouard Manet, Claude Monet, Auguste Renoir, Edgar Degas, Paul Cézanne und Skulpturen von Auguste Rodin. So bekommt man beim Besuch der Alten Nationalgalerie einen schönen Einblick ins Mittelalter und in den Impressionismus.

 

Puuuhhhhh…das war nun viel Information. Aber: da Montags die meisten Museen geschlossen sind, ist es doch ein idealer Tag, um über sie zu sprechen.

„Nur der Unwissende hasst die Kunst“ (Westfassade, Neues Museum Berlin)

Beitrag: Sarah

2 thoughts on “Der Lust auf der Spur- Zwischen Anspruch und Trivialität

  1. Gibt es eigentlich diesen einen Wochentag noch, an dem Museen in Berlin kostenlos besuchen kann?

    (Irgendwie hab nur gerade ich Lust und mein Geldbeutel nicht.😉 )

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