Gastauftritt/Kunst

Von der Kunst einzurichten

Ja, ich habe Kunstgeschichte studiert und nicht Innenarchitektur. Und ich verdiene mein Geld heute trotzdem mit Einrichtungen. Dass die meisten Leute da keinen Zusammenhang sehen, kann ich zwar nachvollziehen, doch bei näherem Hinsehen sprechen einige überzeugende Argumente für meine Berufswahl.

Am Anfang dieser Geschichte steht ein starker Drang nach ästhetischen Erlebnissen, welcher mich seit früher Kindheit begleitet hat. Im Wohnzimmer auf den Boden sitzend konnte ich mich stundenlang in die Kunstbände meiner Mutter vertiefen und dabei komplett in ein Bild eintauchen, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir hier ein Band über die Expressionisten, insbesondere das Bild «Frau mit Sonnenschirm vor Hutladen» von August Macke. Ich war fasziniert von solchen Bildern. Ich glaube nicht, dass ich zu diesem Zeitpunkt begriff, was Kunst ist oder was sie bedeutet – und doch ging von ihr eine unermessliche Anziehungskraft aus: Die Art, wie Farben gewählt wurden und zusammenspielten, die Anordnung der Dinge (heute würde ich es natürlich als Komposition bezeichnen), das geschickte Weglassen von Details – all das, was die Stimmung, Harmonie und Aura eines Bildes ausmacht, beeindruckte mich zutiefst und ich fragte mich ein ums andere Mal, wie Künstler immer wieder auf diese geniale Zusammensetzungen gekommen sind.

Und wie das als Kind eben so ist, möchte man das, was einen begeistert, auch selbst umsetzen. Natürlich habe ich gemalt – mit mehr oder weniger Erfolg, denn für das, was mir in meinem Kopf vorschwebte, fehlte mir schlicht und einfach das nötige Geschick. Was mir wesentlich einfacher fiel und meinen Drang nach ästhetischer Umsetzung viel schneller befriedigte, war das Umgestalten von Räumen. Auch dabei konnte man Dinge und Farben so anordnen, dass man, ähnlich einer Komposition, ein stimmiges Bild erhält. Meine Mutter, sehr geduldig und tolerant mit ihren Kindern, hat meine ständigen Umräumaktionen nicht nur geduldet, sondern auch geschätzt. Monatlich erfand ich mit dem Mobiliar, was schon vorhanden war, neue Konzepte und Arrangements. Auch ging ich gerne zu Freundinnen «aufräumen». Was sie als lästige Pflicht ansahen, gab mir die Möglichkeit, alles «schön» zu machen und dabei kleine Dinge und Gegenstände so umzustrukturieren und umzustellen, dass ich danach völlig erfüllt nach Hause ging.

So war es für mich logisch, nach dem Schulabschluss erst mal ein Jahr bei einem Architekten zu arbeiten. Jedoch musste ich dort feststellen, dass das minuziöse Planen von Dingen am Computer überhaupt nicht mein Ding ist. Ausschreibungen, Entwurfsplanung, Baumassenberechnungen, CAD-Programme … das war ganz weit weg von den kompositorischen Ideen, die ich im Kopf hatte. Nebenbei hatte ich auch das schleichende Gefühl, bei der täglichen Arbeit im Büro zu verdummen und dachte, dass es vielleicht doch angebracht sei, meinem Kopf etwas mehr Input zu geben, was mich wieder zu meiner alten Leidenschaft der Kunst führte.

In meinem Studium konnte ich zwar nicht selbst tätig werden, hatte aber das große Glück, so viele Bilder, Kompositionen, Farben usw. in mich aufsaugen zu können und dem Ganzen vor allem auf den Grund zu gehen: Zu verstehen warum und wie die Bilder funktionieren. Nehmen wir beispielsweise das Bild «Napoleon überschreitet den großen St. Bernhard-Paß»: Ein absolut propagandistisches Gemälde des Klassizisten Jacques-Louis David, den ich auch gerne als «Fähnchen im Wind» bezeichne, aber das ist wiederum ein anders Thema. Weder Sujet noch Farbgebung oder ähnliches inspirieren mich, doch ist die Komposition bemerkenswert: Napoleon ist hier beim Übergang über die Alpen auf seinem Pferd dargestellt, einige Wochen vor seinem Sieg über die österreichischen Truppen – nebenbei bemerkt hat dieser Übergang so nie stattgefunden. Der Protagonist weist mit festem Blick und ausgestrecktem Arm in Marschrichtung, sprich die Alpen, welche auf der linken Bildseite dargestellt sind. Auch sein vom Winde verwehtes Haar, sein Umhang sowie wie Mähne und Schweif des Pferdes deuten nach links. Nicht zuletzt ist es aber die aufbäumende Haltung des Pferdes, welche den energischen Pathos des Vormarschs verdeutlicht. Das Einzigartige daran ist: Spiegelt man dieses Bild, entsteht eine völlig andere Situation. Aufgrund der Leserichtung des Betrachters wirkt es nun nicht mehr wie ein entschlossenes Vorpreschen, sondern vielmehr so, als würde Napoleon mit seinem Pferd nach hinten überkippen. Durch das alleinige Tauschen der Richtung des Bildes, würde es eine ganz andere Geschichte erzählen! Dies verdeutlicht, wie sehr kleine Einzelheiten ein Konzept beeinflussen können.

Dieses Beispiel ist natürlich nur ein kleines Detail und führt auch zu weit. Aber dieser Art von Dingen bin ich während meines Studiums auf den Grund gegangen und habe dabei immer tiefer in die Hintergründe der Kunst eintauchen können. Ich profitiereals Inneneinrichterin in großem Maße von dieser Fülle an Einblicken. Anders als ein Innenarchitekt, der Bodenbeläge aussucht, detailreiche Einbauten plant und oft sehr technisch an die Sache herangeht, gestalte ich Räume als Kompositionen: Jede Ecke und jeder Gegenstand wird einzeln unter die Lupe genommen, Farbe und Formen so angeordnet, dass es eine Harmonie ergibt – so dass am Ende der ganze Raum stimmig ist. Ich achte dabei auf minutiöse Details. Ähnlich wie bei dem Napoleon-Gemälde, kann schon eine Lampe, die um ein paar Zentimeter verschoben wird, das gesamte Konzept zugrunde richten.

So wird in meiner Tätigkeit als Inneneinrichterin am Ende doch einiges zusammengeführt : Meine Leidenschaft für die Kunst, der Suche nach der perfekten Kompostion sowie die Umsetzung des Ganzen in Räumen.

von Alice Salomon

One thought on “Von der Kunst einzurichten

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s