Aus der Ferne/Gastauftritt/Paula und Sarah/Theater

Nestroy Preis- Laudatio von Heinz Marecek auf Karlheinz Hackl

Der österreichische Schauspieler Heinz Marecek (http://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Marecek) hielt gestern Abend, während der Verleihung des „Nestroy“ Theaterpreises in Wien, eine Laudatio auf das Lebenswerk von Karlheinz Hackl (http://de.wikipedia.org/wiki/Karlheinz_Hackl)

Heinz Marecek und Karlheinz Hackl sind beide Bühnenstars des Wiener Theaters, die in unzähligen und unterschiedlichen Rollen glänzten. Doch es sind Ihre unvergesslichen Doppelconferencen, mit denen sie bis heute gemeinsam durch Österreich touren, die ihnen ihre einzigartige Freundschaft und ausverkaufte Häuser schenkten.

http://www.hoanzl.at/was-lachen-sie.html

Heinz Marecek erlaubte, Out for Art nicht nur seine Laudatio zu veröffentlichen, sondern gab uns auch ein Interview dazu.

OutforArt: Was bedeutete es für Sie, als die Anfrage kam eine Laudatio auf Karlheinz Hackl zu halten?

Marecek: Unser Arbeits -und Freundschaftsverhältnis ist sehr eng und es war mir eine sehr große Ehre.

OutforArt: Wie lange kennen Sie sich schon?

Marecek: Seit 35 Jahren.

OutforArt: Was ist der Unterschied daran, wenn man mit Jemandem jahrelang dreht (zb. wie bei Soko Kitzbühel) oder mit Jemandem jahrelang Theater spielt?

Marecek: Auf der Bühne, hat es eine zusätzliche Zirkusartisten-Qualität. Wir müssen uns wie Trapetz-Artisten, auf den Fänger verlassen. Es ist ohne Netz, wir müssen uns auf einander noch mehr verlassen können als beim Film. Film ist reparabel, Theater nicht. Timing und Präzision sind beim Theater viel elementarer als beim Film, da nichts wiederholbar ist. Es gibt nicht noch einen Take, man kann nichts wegschneiden.

OutforArt: Was ist Ihre schönste Laudatio-Erinnerung?

Marecek: Ich liebe die Amerikanischen- von Robin Williams zum Beispiel. Es ist immer eine Mischung von wirklicher, professioneller Anerkennung und von grossem Humor. Genau so muss es sein! Darum geht es!

Eine Zusammenfassung der gestrigen Verleihung: http://tvthek.orf.at/programs/1303-Kulturmontag/episodes/4869477-Kulturmontag/4878697-Nestroy-2012—Die-Gala

Die Laudatio:

Wenn ein Schauspieler mit einem Preis für sein Lebenswerk
ausgezeichnet wird, kann man davon ausgehen, dass er erstens nicht mehr blutjung ist, zweitens, dass er viel in seinem Leben gearbeitet hat, und drittens – dass es sich um einen guten Schauspieler handelt. Nun, erstens und zweitens sind objektiv überprüfbar. Was aber ist ein guter Schauspieler? Gibt es auf diese Frage eine richtige Antwort? Gibt es so etwas wie eine allgemein gültige Definition? Oder ist es eine Frage des Geschmacks? Und ein guter Schauspieler ist einfach einer, den man gerne sieht, so wie ein gutes Parfum eines ist, das man gerne riecht, ohne wirklich erklären zu können, warum. Obwohl in vielen Fällen über das Prädikat „gut“ bei einem Schauspieler eine erstaunliche Einmütigkeit herrscht. Für Laurence Olivier war nachdem er den Film „Maskerade“ gesehen hatte, Paula Wessely die beste Schauspielerin der Welt. Ungefähr 50 Jahre nach der der Premiere dieses Films fuhr ich mit dem Taxi ins Akademietheater, um mir dort eine Vorstellung mit Paula Wessely anzusehen. Als ich dem Taxifahrer die Adresse „Akademietheater“ angab, informierte er mich: „Da haben Sie heute Pech. Die Wessely ist krank.“ „Oje, hat sie abgesagt?“ „Nein, nein, nichts Ernstes, eine starke Erkältung“. „Ach so“. Pause. Dann der Taxifahrer: „Andererseits seh ich die kranke Wessely immer noch lieber als die meisten Gesunden!“
Laurence Olivier und mein Taxifahrer waren also völlig einer Meinung über die schauspielerische Qualität der Wessely. Aber was war das Besondere an ihr und den anderen von mir in meiner Kindheit und Jugend verehrten und bewunderten Schauspielern? Gab es irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen ihnen? Gab es einen gemeinsamen Nenner von Werner Krauss und Spencer Tracey? Von Charles Laughton und Oskar Werner? Von Marlon Brando und Hans Moser? Wenn ja, habe ich ihn nicht gefunden. Aber es waren sie und vielleicht ein halbes Dutzend anderer, die mich magisch angezogen haben, die mich sirenenartig in diesen Beruf gelockt haben. War es ihre Wahrhaftigkeit? Ihre Glaubwürdigkeit? Ihre Verwandlungsfähigkeit? Ist der beste der, der alles spielen kann? Gibt es überhaupt einen, der alles spielen kann? Ich glaube nicht – zumindest nicht gleich gut. Obwohl Billy Wilder gesagt hat, er hätte „Zeugin der Anklage“ gerne ein zweites Mal verfilm – und alle Rollen mit Charles Laughton besetzt. Und den Gipfel der schauspielerischen Hybris wahrscheinlich Raoul Aslan erklomm, als er in einer Debatte in der Kantine des Burgtheaters, wo es darum ging, wer was spielen kann, und was man dazu braucht, irgendwann müde und gelangweilt einwarf: „Hängt mir einen blauen Fetzen um, und ich spiele das Mittelmeer!“ Aber das hat wohl eher aphoristischen Charakter. Und ich fand auch diese „Telefonbuch- Metapher“ immer albern. „Der kann auch das Telefonbuch vorlesen“. Ich wollte nie von irgendeinem Schauspieler das Telefonbuch vorgelesen bekommen, weil ich wußte, dass uns in kürzester Zeit beiden fad sein würde. Also was ist es dann? Ich weiss es immer noch nicht. Aber ich weiss, dass es zwei Phänomene gibt, die mich bei einem Schauspieler immer mehr fasziniert und mehr berührt haben, als alles andere: erstens ein schlichter, ruhiger, tiefer Ernst, der plötzlich von einem Menschen auf der Bühne ausgeht, der etwas schreckliches erfahren hat, auf etwas ungeheures draufgekommen ist, oder der einen schwerwiegenden Entschluss gefasst hat. Und plötzlich ist der ganze Raum von diesem Ernst erfüllt, der eine Stille erzeugt, die einem in den Ohren gellt wie Kirchenglocken. Und zweitens eine Dünnhäutigkeit, eine Durchsichtigkeit, die einem ständig das Gefühl verleiht, man weiss in jeder Sekunde, was dieser Mensch gerade denkt. Man kann in ihn hineinschauen, wie in ein Aquarium. Und ich glaube, dass eben nur besondere, außerordentliche Schauspieler diese Eigenschaften besitzen. Und es sind vielleicht diese Eigenschaften, die den Mann auszeichnen, der heute Abend hier mit Fug und Recht für sein außergewöhnliches Wirken auf der Bühne geehrt wird.

Alle seine Figuren, und ich habe viele davon gesehen, waren durch diese beiden Eigenschaften geprägt: ob es sein Prof. Bernhardi war, sein unglaublich berührender Man of la Mancha, sein Platonow, sein Kari Bühl, sein Hofreiter, sein Alfred, sein Liliom, sein Herr von Lips, oder sein Archie Rice. Ich saß vor einem halben Jahr im Salzburger Landestheater und schaute mir eine Vorstellung von „Das Weite Land“ an. Irgendwann am Völser Weiher trat Karlheinz Hackl als Aigner auf. Und es war wie in der Kirche bei der Wandlung. Plötzlich war da ein anderes Stück. Und ich habe dieses Stück zweimal gespielt, und oft gesehen – aber ich habe zum ersten Mal verstanden, warum Schnitzler diesen Mann den Stücktitel sagen läßt. Aber man kann sich diese Eigenschaften nicht 5 Minuten vor Beginn der Vorstellung umhängen wie ein Kostüm – ebenso wenig, wie sich ein Athlet 5 Minuten vor Beginn des Wettkampfs Muskeln umschnallen kann, sondern diese das Ergebnis von jahrelangem Training sind, so sind diese Eigenschaften das Ergebnis eines jahrzehntelang speziell trainierten Lebens: eines Lebens der ständigen hellwachen Beobachtung, kritisch, skeptisch, misstrauisch, gelegentlich resignierend, aber auch fähig zum Zorn, zur Empörung, zur Anteilnahme und zum Mitleid. Und der festen Überzeugung, dass viel in unserer Gesellschaft verändert gehört, und das man es auch verändern kann – wenn man es nur entschlossen genug will.

Der Preis für das Lebenswerk bekommt daher im Zusammenhang mit ihm eine neue Bedeutung.
Der tiefe Ernst und die dünne Haut – und die damit verbundene Verletzlichkeit stellen für die Tragödie ein kostbares Instrumentarium dar, der Komödie verleihen sie eine zusätzliche Dimension. Sie katapultieren sie auf eine andere Ebene. Darum sind „Klotz am Bein“ durch seinen Fernand und „Cage aux Folles“ durch seine unglaubliche Zaza zu unvergesslichen Theaterabenden geworden. Und selbst wenn man mit ihm, wie ich seit vielen Jahren das Vergnügen habe, Trivialliteratur spielt – wird die durch diese Eigenschaften seltsam geadelt, man spielt einen Sketch oder eine Doppelconference mit ihm – und jedes Mal wenn man ihm zuschaut, oder ihm zuhört, hat man das Gefühl, man spielt „Warten auf Godot“, oder „Nashörner“, oder „Ubu Roi“. Wenn man mit jemand 10 Jahre lang einen Zweipersonen-Abend spielt, hat man viel Gelegenheit ihm zuzuschauen und zuzuhören – und es gab in alle den Jahren keinen Moment, wo ich das nicht mit Neugier, mit Vergnügen und voll gespannter Erwartung getan hätte. Karlitschku! Es gibt wahrscheinlich niemand, mit dem ich so oft und so lange auf einer Bühne gestanden bin wie mit dir – aber es gibt ganz bestimmt niemand, mit dem ich das so gerne tue! Danke!!!

Laudatio: Heinz Marecek

Beitrag:Sarah

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